Andrea, 2 Kaffee und Dankbarkeit

Düsseldorf 2018

von Susanne Theune

Am Samstagmorgen war ich schon früh auf den Beinen,  um mit der Straßenbahn zu einem Coaching Seminar zu fahren. Trotzdem war ich spät dran. Normalerweise bin ich nicht der Coffee-to-go-Typ und bevorzuge es, meine Tasse Milchkaffee in Ruhe am heimischen Esstisch zu trinken. Dafür hatte ich an diesem Morgen keine Zeit mehr.

Ich erinnerte mich an einen silbernen Thermobecher in meinem Küchenschrank. Ein Werbegeschenk, das ich nie benutzt hatte. Heute sollte er zum Einsatz kommen. Er war größer als meine normale Tasse. Die elektrische Kaffeemühle schnurrte und füllte den Siebträger mit wunderbar duftendem Espresso. Ich presste das Pulver mit dem Tamper, setzte den Siebträger für 2 Tassen ein ein, zog ihn fest und betätigte den Hebel. Der goldene Espresso lief „wie ein Mäuseschwänzchen“ in den großen Thermobecher. So hatte es mir ein Barista erklärt. In der Blechkanne schäumte ich mir noch Milch auf, füllte sie ebenfalls in den Becher. Ich schraubte den Deckel fest, damit nichts ausläuft, nahm meine Tasche und verließ das Haus.

Der kühle Morgen fühlte sich gut an. Eine leere Straßenbahnhaltestelle, ein junger Tag, der gerade erwachte. Und ich hatte Kaffee dabei!


Dann sah ich sie. Eine Frau zwischen 50 und 60. Sie ging langsam und setzte sich auf eine Bank. Was mir sofort auffiel, war ihr Korb. Einer dieser konischen Seegraskörbe mit geflochtenen Henkeln, die ich aus den 1980ern kannte. Auf dem Korb ein Peace-Zeichen. Ein wunderschöner blauer Blumenstrauß ragte aus dem Korb. Kein gekaufter Strauß. Es sah aus, als hätte sie die Blumen selbst in der Natur selbst gepflückt.
Ich nahm den ersten Schluck von meinem Luxuskaffee.


Sie blickte zu mir und sagte: „Kalt heute Morgen, nicht?“

Ich sah, dass ihre langen Haare wirr und verfilzt waren und wohl schon länger keinen Kamm mehr gesehen hatten. Einen Moment überlegte ich, ob ich antworten oder sie ignorieren sollte. Sie wirkte aber nett und friedlich.
Also antwortete ich: „Ja, nur 10°C“.

Sie blickte auf meine Hand. „Ist das Kaffee in deinem Becher?“

„Ja“ antwortete ich.

Sie fragte: „Kannst du mir einen Gefallen tun und ihn mit mir teilen? Ein heisser Kaffee würde mir jetzt wirklich den Tag retten.“

In dem Moment wusste ich, warum ich mir intuitiv zwei Tassen Kaffe zubereitet hatte. Ohne zu zögern sagte ich: „Natürlich, gerne“. 

Kleine Falten gingen wie Sonnenstrahlen von ihren Lippen weg. Roter Lippenstift umrandete sie so, als hätte ein Kind ohne Spiegel damit gespielt. Sie lächelte.

Sie trug ein paar minigrüne Crocs und eine schmutzige rote Baggy Hose, ein schmutziges T-Shirt und einen khakifarbenen Wintermantel mit Fellkapuze. Sie tauchte ihre Hand in eine Papiertüte von s. Oliver, förderte eine Zeitung und Zigaretten zutage und fand schließlich einen durchsichtigen Plastikbecher.

Die Frau hielt mir den Becher hin und ich goss ihr mehr als die Hälfte meines Kaffees ein.
Plötzlich wurde mir bewusst, wie gesegnet ich bin. Jederzeit kann ich mir zuhause einen guten italienischen Kaffee zubereiten oder auch zwei oder drei.

Sie bedankte sich und trank von dem Kaffee.

Dann erzählte sie mir, dass ihr Arzt ihr nicht mehr zuhört. Dass er lieber mit teuren Rennrädern und Sportwagen durch die Gegend fährt. Er hat ihr gesagt, dass er ihr nicht mehr helfen kann.

Sie wünschte, ihre alte Ärztin wäre noch da. Sie hat sich gefreut, wenn sie da war. „Andrea, schön, dich zu sehen hat sie gesagt und wir haben über alte Zeiten und Menschen gesprochen, die wir kannten.“ So erfuhr ich ihren Namen. Ihre Stimme wurde deutlich lauter, wenn sie ihn aussprach. Sie erzählte mir, dass sie aus Büderich kommt. Ein an Düsseldorf grenzender Stadtteil von Meerbusch. Hier wohnen Celebrities und die High Society, die Mieten sind hoch. Es schien ihr wichtig, zu betonen, woher sie kam. Andrea passte von ihrem heutigen äußeren Erscheinungsbild so gar nicht dazu.

Sehr laut erzählte sie, wie schön die alten Zeiten in der Kunstakademie waren. Ich hörte ihr zu.
Freitags geht sie zum Freejazz. Dort darf sie sein, wer sie ist. Dort sagen sie: „Andreeeaaa, du darfst so laut du kannst ins Mikrofon schreien, es stört und nicht!“
Sie genoss ihren Kaffee. Ich sagte ihr, wie wunderschön die Blumen in ihrem Korb sind.

Die Bahn kam. Ich stieg vorne ein. Andrea brauchte ewig, um mit ihren zwei Taschen und dem Kaffee in den letzten Wagen zu steigen. 

Später sah ich sie aussteigen. Durchs Fenster wurde ihre Silhouette immer kleiner, während die Bahn immer schneller wurde.

Was von Andrea blieb

Andrea ließ mich Dankbarkeit fühlen für das, was ich habe. Sie erinnerte mich daran, die kleinen Dinge in meinem Leben wie eine gute Tasse Kaffe am Morgen wirklich zu schätzen.

Ich fragte mich, was in Andreas Leben passiert war. Wie wird aus einem Menschen, der offensichtlich einmal ein vollkommen anderes Leben geführt hat, jemand, an dem Viele heute vermutlich vorbeischauen?

Wir kümmern uns nicht mehr umeinander.

Lass uns wieder jedem Menschen, der unseren Weg kreuzt, mit Aufmerksamkeit und Wertschätzung begegnen. Wir sind alle ein Teil der Menschenfamilie.

Danke für die wertvolle Lektion in meinem Leben, Andrea. Mögest du behütet sein!